Dynamische Stromtarife können sich lohnen – für die richtigen Haushalte. Zwei Tage im Winter 2024 zeigen, was passiert, wenn Wind und Sonne gleichzeitig ausfallen. Und 2026 zeigt, was hohe Gaspreise damit machen.
Am 12. Dezember 2024 schoss der deutsche Börsenstrompreis in der Spitze auf 936 Euro je Megawattstunde – rund 94 Cent je Kilowattstunde, mehr als das Zehnfache des Jahresdurchschnitts von knapp 80 Euro. Wenige Wochen vorher, am 6. November 2024, hatte der Markt schon einmal ähnliche Höhen erreicht, mit rund 820 Euro. Beide Male war die Ursache dieselbe: kaum Wind, kaum Sonne, dafür Winternachfrage.
Für die meisten Stromkunden war das eine Randnotiz. Sie hatten Verträge mit festem Arbeitspreis. Für eine wachsende Minderheit – Kunden mit dynamischem Tarif – war es eine teure Lektion: Wer in diesen Stunden Wärmepumpe oder Heizstab laufen ließ, zahlte für eine Kilowattstunde ein Vielfaches des üblichen Preises.
Was eine Dunkelflaute ist – und warum sie nicht verschwindet
Eine Dunkelflaute ist ein Zeitraum, in dem Windstille und dichte Bewölkung zusammenfallen. Wind- und Solaranlagen liefern dann kaum Strom, Gaskraftwerke springen ein. Weil an der Strombörse das teuerste noch benötigte Kraftwerk den Preis für alle setzt, bestimmen in solchen Stunden die Gaskraftwerke den Preis. In Deutschland passiert das im Winter regelmäßig – meist für einige Stunden, manchmal für Tage.
2026 kommt ein zweiter Effekt dazu: Seit dem Iran-Krieg ist Erdgas deutlich teurer. Der europäische Gaspreis lag im September 2026 zeitweise um 80 Euro je Megawattstunde, den höchsten Stand seit Anfang 2023. Damit wird jede Stunde, in der Gaskraftwerke den Preis setzen, teurer – nicht nur in der Dunkelflaute.
Wie ein dynamischer Tarif rechnet
Seit 2025 muss jeder Stromlieferant einen dynamischen Tarif anbieten. Der Arbeitspreis folgt dem Börsenpreis – meist dem Day-Ahead-Markt, also den Preisen für den Folgetag, stündlich oder viertelstündlich. Dazu kommen eine Marge des Anbieters sowie Netzentgelte, Steuern, Umlagen und Mehrwertsteuer, die unabhängig vom Börsenpreis anfallen.
In Stunden mit viel Wind und Sonne liegt der Endpreis deutlich unter dem Festpreis, manchmal sogar sehr niedrig. In Dunkelflauten kippt das Verhältnis: Steigt der Börsenpreis von 80 auf 900 Euro je Megawattstunde, landet der Endpreis mit Abgaben bei über einem Euro je Kilowattstunde. Drei Stunden Heizstab mit je 3 Kilowattstunden kosten dann über 10 Euro statt weniger als einem.
Für wen sich ein dynamischer Tarif lohnt – und für wen nicht
Gut geeignet: Haushalte mit großen, verschiebbaren Verbrauchern und automatischer Steuerung – E-Auto mit Lademanagement, Wärmepumpe mit Pufferspeicher und smarter Regelung, idealerweise PV-Anlage mit Speicher. Sie laden und heizen, wenn der Strom billig ist, und pausieren in teuren Stunden. Diese Haushalte können auch mit gelegentlichen Preisspitzen gut sparen.
Bedingt geeignet: Haushalte mit Wärmepumpe oder Wallbox, aber ohne automatische Steuerung. Wer Preiswarnungen in der App von Hand umsetzen muss, spart in der Praxis oft deutlich weniger als erhofft.
Nicht geeignet: Haushalte ohne große Verbraucher. Wer nur Licht, Kühlschrank und Waschmaschine betreibt, kann kaum verschieben. Der Vorteil gegenüber einem gut gewählten Festpreisvertrag ist klein, das Risiko bleibt.
Drei Regeln, bevor du wechselst
- Schau dir die Preise an, bevor du unterschreibst. Die stündlichen Börsenpreise sind öffentlich einsehbar. Eine Woche Beobachtung zeigt dir mehr als jeder Erfahrungsbericht.
- Mach deine Großverbraucher steuerbar. Ohne Lademanagement und smarte Wärmepumpenregelung ist ein dynamischer Tarif eine Wette ohne Absicherung. Und ohne intelligentes Messsystem geht es ohnehin nicht.
- Prüf einen Preisdeckel. Einige Anbieter bieten dynamische Tarife mit Obergrenze an. Das kostet etwas, nimmt aber die Spitzen heraus.
Fazit
Dynamische Stromtarife sind eine der wichtigsten Neuerungen im Privatstrommarkt – aber kein Produkt für jeden Haushalt. Wer steuerbare Großverbraucher hat und sie automatisch steuern lässt, profitiert. Wer das Modell wie einen besseren Festpreistarif behandelt, zahlt in der nächsten Dunkelflaute drauf. Drei Stunden im Dezember haben das gezeigt. Die nächste Dunkelflaute kommt – und 2026 trifft sie auf hohe Gaspreise.
Quellen: Energy-Charts (Fraunhofer ISE), EPEX Spot Day-Ahead-Daten, § 41a EnWG (Pflicht zum Angebot dynamischer Tarife), Verbraucherzentrale, Marktberichte zum Gaspreis (September 2026). Stand: 24. September 2026.