Bonustarife haben den deutschen Strommarkt zwei Jahrzehnte lang geprägt. 2026 schreiben die Anbieter die Regeln um – leise, ohne Begründung, in einem Mail-Postfach.
Es beginnt mit einer Mail, die freundlich aussieht und höflich klingt. „Vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Tarif XY. Leider können wir Ihren Vertrag derzeit nicht annehmen.“ Keine Begründung. Keine Verhandlung. Wer regelmäßig den Stromanbieter wechselt – die Methode, die Verbraucherzentralen und Vergleichsportale seit Jahren empfehlen –, kennt diese Nachricht inzwischen. Sie kommt häufiger als früher.
Das Phänomen hat keinen offiziellen Namen. In der Branche spricht man von Profilfiltern: Stromlieferanten prüfen Anfragende vor der Vertragsannahme – anhand von Adressdaten, Versorgungshistorie und auffälligen Wechselmustern. Wer als „unprofitabel“ eingestuft wird, bekommt keinen Vertrag. Verbraucherrechtlich ist das unbefriedigend, ökonomisch ist es nachvollziehbar. Und für Vielwechsler – die eigentliche Zielgruppe der Bonus-Tarife – ist es eine kleine Zeitenwende.
Wie der Bonus-Markt wirklich funktioniert
Die Konstruktion ist alt und elegant. Stromanbieter werben Neukunden mit einem Sofortbonus, einem Wechselbonus oder einer Sachprämie. Der eigentliche Arbeitspreis ist im Bonustarif oft höher als bei einem nüchternen Vertrag – der Bonus gleicht das aus. Im ersten Vertragsjahr liegt der Kunde damit unter dem Markt, im zweiten meist darüber. Die Strategie funktioniert, wenn der Kunde nach dem ersten Jahr wechselt. Sie funktioniert nicht, wenn er bleibt.
Aus Kundensicht ist die Schlussfolgerung simpel: jährlich wechseln, jährlich Bonus mitnehmen. Verbraucherzentralen schreiben das schwarz auf weiß. Vergleichsportale optimieren ihre Algorithmen darauf. Die Stiftung Warentest empfiehlt es. Gegenüber der Grundversorgung spart ein konsequenter Wechsel je nach Region und Verbrauch mehrere hundert Euro im Jahr – bei einem Vier-Personen-Haushalt mit 4.000 kWh schnell 300 Euro und mehr.
Aus Anbietersicht entsteht damit ein Problem. Jeder Neukunde verursacht Kosten – Provision an das Vergleichsportal, den Bonus selbst, die Wechselabwicklung, die Abrechnung. Diese Kosten müssen sich über die Vertragslaufzeit amortisieren. Bei einem Vielwechsler tun sie das nicht.
Die Ablehnungs-Mechanik – wie sie technisch funktioniert
Der Filter wirkt zwischen dem Klick „Vertrag abschließen“ auf dem Vergleichsportal und der Annahme durch den Lieferanten. Mehrere Faktoren spielen ineinander.
- Bonitätsprüfung: Standardverfahren, meist via Schufa, Creditreform oder Boniversum. Bei Stromverträgen ist die Hürde niedriger als bei einem Mobilfunkvertrag oder einem Kredit.
- Adresshistorie: Lieferanten sehen die Wechselhistorie der Anschlussadresse. Wer in kurzer Zeit mehrfach den Anbieter gewechselt hat, fällt auf – und wird von manchen Lieferanten gar nicht erst angenommen.
- Risikoprofil: Einige Anbieter – vor allem die billigsten – arbeiten mit eigenen Vorhersagemodellen, die auf historischen Daten basieren. Wer aus einer Wohnung mit auffälliger Vertrags-Folge wechselt, kann betroffen sein, ohne es zu wissen.
- Rückläufer: Wer in den letzten Jahren einen Vertrag wegen Zahlungsschwierigkeiten oder Streit gekündigt bekommen hat, ist in vielen internen Listen markiert.
Die Ablehnung erfolgt fast immer ohne Begründung. Rechtlich ist das zulässig – Vertragsfreiheit gilt in beide Richtungen. Politisch entsteht daraus eine Schieflage: Wer auf Hinweise von Verbraucherzentrale und Stiftung Warentest hört und konsequent wechselt, wird vom System bestraft, das er nutzen will.
Was 2026 anders geworden ist
Erstens: Die Preise sind wieder in Bewegung. Anfang 2026 lagen günstige Neukundentarife bei rund 24 Cent je Kilowattstunde. Seit dem Iran-Krieg und erneut seit dem Sommer sind sie gestiegen – im September 2026 auf rund 30 Cent. Die Grundversorgung liegt im Schnitt bei rund 40 Cent. Wer in der Grundversorgung steckt, spart mit einem Wechsel weiterhin viel. Wer schon einen günstigen Vertrag mit Preisgarantie hat, sollte ihn dagegen nicht leichtfertig aufgeben.
Zweitens: Der 24-Stunden-Wechsel hat den Markt beschleunigt. Seit dem 6. Juni 2025 muss der technische Lieferantenwechsel innerhalb von 24 Stunden abgewickelt werden (§ 20a EnWG). Für die Lieferanten bedeutet das: kein Puffer mehr, um „unprofitable“ Verträge mit Verzögerung abzuwickeln. Filter wirken jetzt in Echtzeit.
Drittens: Dynamische Tarife verändern das Geschäftsmodell. Anbieter wie Tibber, Ostrom oder Octopus arbeiten mit niedrigen Margen und verdienen an Grundgebühr, Volumen und App-Bindung, nicht am Bonus. Wer dynamisch abrechnet, fällt aus dem klassischen Bonus-Filter heraus – trägt dafür aber das Börsenpreisrisiko selbst.
Drei konkrete Schritte
Erstens: Tarif-Vergleich ohne Bonus rechnen. In den Filtern von Vergleichsportalen die Option „Bonus nicht einrechnen“ oder „langfristige Planung“ aktivieren. Der dann beste Tarif lohnt sich auch im zweiten Jahr.
Zweitens: Auffällige Wechselmuster vermeiden. Wer in den letzten zwei Jahren öfter als zweimal gewechselt hat, sollte beim nächsten Vertrag einen seriösen Lieferanten mit kurzer Vertragslaufzeit (12 Monate) und Marktpreis-Niveau wählen – und zwei Jahre durchhalten.
Drittens: Bei steuerbaren Großverbrauchern dynamische Tarife prüfen. Mit Wärmepumpe, Wallbox oder E-Auto + Smart Meter lohnt sich ein dynamischer Vertrag in der Regel mehr als das Bonus-Karussell.
Fazit
Der deutsche Strommarkt funktioniert für die Mehrheit der Haushalte immer noch nach demselben Prinzip: Wer wechselt, spart. Aber das System hat in den letzten zwei Jahren gelernt, sich gegen die Vielwechsler zu wehren. Verbraucher, die das nicht wissen, fallen aus dem Markt – leise, ohne Begründung, in einem Mail-Postfach. Wer 2026 noch sparen will, muss eine Ebene weiter denken: weg vom Bonus-Optimieren, hin zur strukturellen Tarifwahl.
Quellen: § 20a EnWG, Bundesnetzagentur, Verbraucherzentrale, Preisdaten von Verivox und StromAuskunft (September 2026). Stand: 24. September 2026.